Der Besuch beim Orthopäden

Also wirklich. Da geh ich nach dreimonatiger erfolgloser Selbstbehandlung nun endlich doch zum Arzt und ärgere mich die Platze. Wäre ich doch bloß zuhause geblieben und hätte weiterhin mein schmerzendes Zeigefingergelenk gesalbt, gepudert und gewickelt.

Das Wartezimmer jedenfalls ist proppevoll. Wozu ich mir vorher telefonisch einen Termin habe geben lassen, weiß ich nicht. Vielleicht hätte ich ohne Termin Schlafsack und Zahnputzzeug mitbringen müssen. Jedenfalls stehe ich mittlerweile eine geschlagene Dreiviertelstunde auf dem Flur. Logenplatz, mit Blick in den fünfzehnstühligen Wartesaal. Jeder dritte Platz ist doppelt besetzt. Mal Mutti mit Kind, mal Mensch mit Alditüte. Auf jedem fünften Platz sitzt ein Mann, oder einer, der einer werden will. Ob das Gestühl unterschiedlich bezogen ist (rot/blau), kann ich leider nicht genau erkennen. Ich frage mich, was wohl wäre, wenn jetzt ein Mann aufgerufen wird. Kann ich mich auf seinen Platz setzen oder nicht? Womöglich gerät dann die innere Ordnung durcheinander. Vielleicht gibt es ja auch am Empfang Platzkarten oder man kann eine Nummer ziehen. Aber derartige Hinweisschilder wären mir doch aufgefallen.

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Obwohl – wo ist eigentlich meine Brille*? In der U-Bahn hatte ich sie noch. Vielleicht im Rucksack. Diese Art von Taschenersatz hat auch zwei Gesichter. Man hat die Hände frei und das Gefühl gerade zu gehen, aber man findet nichts wieder. Immer ist alles unten*. Praktisch sind die Seitentaschen, wenn man sich erinnert, was man darin verstaut hat. Da ist sie ja. Ach nee, das ist nur das Etui. Vielleicht habe ich die Brille am Empfang liegen lassen, denn die Arthelferin hat mich mit ihrer Frage leicht verwirrt.

„Waren Sie schon einmal hier?“
„Ja.“
„Im letzten Quartal?“
„Nö.“
„Wissen Sie ungefähr wann genau?“
„Äh – ungefähr vor fünf Jahren?“
„Ach, da hab’ ich Sie ja. – Vor 15 Jahren waren Sie das letzte Mal hier.“

Soll ich jetzt meinen Logenplatz aufgeben und zurück zum Empfang gehen. Obwohl, momentan brauche ich meine Brille nicht. Nicht nur die Stühle, auch die Zeitschriften sind besetzt. Die Brille kann ich nach der Behandlung abholen. – Huch, bin ich nun doch schon dran. Naja, “dran sein” ist wohl leicht übertrieben. Jetzt sitze ich im Behandlungszimmer. Aber immerhin – ich sitze. Nur schade, dass hier keine Zeitschriften liegen. Wie viele Knochen ein Mensch hat, ist ja unglaublich. Und die haben auch noch alle Namen. Doch nach einer Viertelstunde langweilt mich das Plakat an der Wand. Es ist nicht meine Absicht hier Orthopädie zu studieren. Endlich kommt der Arzt.

„Nö, es schmerzt nur am Zeigefinger. Vielleicht kommt das von der PC-Mouse“, höre ich mich sagen. Der Herr Doktor meint, es sei altersbedingt und sieht nach Gicht aus. „Kommen Sie bitte morgen früh zum Blutabnehmen.“ Zwei Minuten später stehe ich am Empfang und frage nach meiner Brille. Die Arthelferin grinst mich an und fragt mich, ob ich die Brille auf meinem Kopf meine. Na, klasse. Da gehe ich einmal zum Arzt, alter schlagartig um zehn Jahre und leide an Gicht und Vergesslichkeit. Wäre ich doch bloß zu Hause geblieben und hätte weiterhin mein schmerzendes Zeigefingergelenk gesalbt, gepudert und gewickelt. Also wirklich.

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