“Rollator” oder “Trotzphase”?

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“Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich mit so ‘nem Ding losschiebe?”, meinte meine Mutter schnippisch, nachdem der nette Herr vom Sanitätshaus, der den neuen Rollator* erklärte und auf ihre Größe einstellte, ihre Wohnung wieder verlassen hatte. “Du wolltest ja unbedingt, dass ich so ein Ding bekomme. Das heißt aber ja noch lange nicht, dass ich das auch benutzen muss. Außerdem komme ich damit ja nie über die Ampel und beim Einkaufen kann ich den – wie heißt der? Gehwagen? – doch nicht draußen stehen lassen.”

Nachdem ich ihr bereits gefühlte 100mal ruhig erklärt hatte, dass man den Rollator mit in den Supermarkt nimmt und stattdessen auf den Einkaufswagen verzichtet, fing ich also wieder von vorne an, genau wissend, dass sie das gar nicht hören wollte. Hilfe, ich bin genetisch belastet und mir tun jetzt schon meine Kinder leid, wenn ich in 25 Jahren so alt bin, wie meine Mutter heute ist. Wird man im Alter stur und uneinsichtig? Fühlt man sich ständig “fremdbestimmt”, nur weil man vieles einfach nicht mehr so kann wie früher? Merkt man selber nicht, dass man völlig krumm geht?

“Du musst doch einsehen, dass so ein Ding gar nicht zu mir passt.” Wieder einmal weiß ich nicht, ob ich vor Lachen unter den Tisch rutschen oder ob mein Unterkiefer vor Sprachlosigkeit auf die Tischplatte fallen soll. Die Frau macht mich fertig, dumm nur, dass sie meine Mutter ist. Wäre sie eine Fremde, müsste ich mich nicht so aufregen. Wozu muss ein Rollator denn passen? Zum Charakter? Zum Outfit? Zum Intellekt? Wovon redet meine Mutter? Meint sie vielleicht krumm nach vorne gebeugt zu gehen und ständig auf der Straße von fremden Leuten angesprochen zu werden mit “Kann ich Ihnen helfen? Geht es Ihnen nicht gut? Soll ich Sie vielleicht nach Hause bringen?”, passt besser zu ihr? Regelmäßig erzählt sie, dass sie beim Einkaufen schon wieder von einer Wildfremden einen Ratschlag bekommen hat: “Sie sollten sich man einen Einkaufstrolley* zulegen, Ihre Einkaufstüten sind doch viel zu schwer.” Und regelmäßig erhalten die fremden hilfsbereiten Mitmenschen von meiner Mutter die gleiche Antwort: “So ‘n Hackenporsche* hatte meine Tochter mir mitgebracht. Den habe ich meinem Enkel gegeben. Ich will so ‘n Ding nicht.”  Vielleicht findet meine Mutter es ja auch einfach unterhaltsamer, wenn fremde Leute ihr den Einkauf nach Hause schleppen und sie dabei Einblicke in deren Lebensgeschichte erhält.

“So ein Rollator mit Sitz ist doch eine tolle Erfindung: Man kann sich leicht abstützen, wie bei einer Kinderkarre, man hat seine eigene Sitzgelegenheit immer dabei und ist nicht auf die morschen, verschmutzen Bänke am Straßenrand (in Hamburg zählt das Motto: Lieber morsche Bänke als keine Bänke) angewiesen. Eine hohe Einkaufstasche passt ins Körbchen und einen kleinen leichten Beutel kann man auch noch über einen der beiden Griffe hängen.” Doch das sind Argument für einen Rollator, die nicht mit dem logischen Verständnis meiner Mutter kompatibel sind. “Es sind ja nicht alle Bänke morsch. Außerdem lehne ich mich zwischendurch auch einfach nur an eine Hauswand und beobachte die Leute. Beim Spielplatz stehe ich auch immer am Zaun und beobachte die Kinder. Warum müssen die eigentlich immer so schreien? Und die jungen Väter heute, die tragen die Kinder vorm Bauch und haben alle solche Schuhe an wie Du.”   Der Ablenkungstrick, auch so ein Altersphänomen.

Es gab einst Zeiten, da hat meine Mutter sich über die “Sturheit” der älteren Generation geärgert. Offensichtlich hat sie dabei genau aufgepasst, wie diese “Sturheit” geht. Dass sie sich damals darüber aufgeregt hat, erinnert sie nicht. Und was sie nicht erinnert, ist so nie gewesen. Irgendwie finde ich das etwas gruselig. Dabei ist die Idee im Alter weise zu werden, doch eigentlich viel schöner. Aber vielleicht ist die Altersweissheit seit jeher nur eine Idee und ein Wunsch der Menschheit. Erschreckend finde ich, dass ich meiner Mutter früher einmal zugetraut habe, dass sie im Alter weise wird. Aber das war wohl auch nur eine schöne Idee.

“Wenn wir zusammen zu Deinem Artztermin gehen, nimmst Du den Rollator mit.” Meine Mutter sieht mich entsetzt an: “Wieso das denn?” Ich: “Weil MEIN Rücken das nicht mitmacht, wenn DU an MEINEM Arm hängst.” Meine Mutter darauf ganz trocken: “Ach, dann nimm du doch den Rollator.”

Eines steht fest: Wenn ich mich nicht mehr aufs Fahrrad* traue, schaffe ich mir einen Rollator* an – auch ohne Rezept (an meine Kinder: hiermit versprochen!). Bis dahin ist die Auswahl sicherlich noch größer und es gibt vielleicht welche mit integriertem Rollbrett. Das Skateboard* (Longboard*) fürs Alter. Klingelnder Weise überhole ich dann die Muttis mit Kinderwagen. Natürlich wird das gute Stück dann noch mit Reflektoren* gepimpt und es bekommt am Körbchen eine Fahrradllampe* – Das wär ‘s doch.

Tipp: Wenn Sie ein Rezept für einen Rollator von Ihrem Arzt haben, erkundigen Sie sich bitte bei Ihrer Krankenkasse, wo Sie den Rollator bestellen können. Viele Krankenkassen haben Kooperationsverträge mit ausgewählten Sanitätshäusern. Nur dort können Sie das Rezept einlösen.

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3 Gedanken zu „“Rollator” oder “Trotzphase”?

  1. Amüsant zu lesen und leider nur allzu wahr! Ich kenne jede Menge Leute, die wesentlich älter sind (80 und 100!) als ich (73) und die bockig jede Art von Gehhilfe, vom Stock zum Rollator vehement ablehnen.
    Nun bin ich selber alt, mit über dreissigjähriger Berufserfahrung im Thema Alter und altern und schiebe seit vergangenem Frühling doch tatsächlich so einen vierrädrigen “Ferrari” vor mir her. Es ging nicht mehr anders wegen Schmerzen und Gleichgewichtsproblemen.
    Kurz gesagt: ich bin mitten in der Phase “von der Theorie zur Praxis”…..
    Anfangs hatte ich immer den Eindruck “was denken auch die Leute”. Jetzt gehöre ich wohl in deren Augen auch zu den vielen Dementen. Aber das ist ganz klar MEIN Problem, denn ich kriege eher Komplimente für meinen Rollator und mich, dass ich es gewagt habe.
    jetzt sage ich nur noch: wenn die unzähligen Rollator-Verweigerer nur wüssten, welche enorme Bequemlichkeit ihnen entgeht!!! Die wissen alle nicht, WAS sie da ablehnen!
    Einen Einkaufswagen hinter sich her ziehen? So mühsam, mit halb verdrehtem Rücken!
    Da lobe ich mir meinen “Ferrari”, den ich viel bequemer vor mir herschiebe, mit einem perfekt passenden Kistchen auf der Sitzfläche und ich kaufe genau so viel ein, wie Platz hat. Leichtere Sachen kann ich allenfalls noch in einem Täschchen ans “Steuerrad” hängen.
    Meine Zeit mit “wird eingefahren” ist längst vorbei und ich möchte meinen Rollator nicht mehr missen.
    ….und trotzdem stehe ich noch aktiv im Leben, leite Gruppen, halte Vorträge und recherchiere und schreibe komplexe Texte.
    …und wenn ich sonst unterwegs bin, kann ich mich jederzeit für eine kleine Pause hinsetzen, wann und wo ich mag, auch dort, wo es keine Bänke oder Stühle gibt. Meine Sitzgelegenheit ist immer dabei, sauber und nicht so kalt wie eine Steinbank oder ein Metallstuhl im Winter…. Vorausgesetzt, man hat einen Rollator in der passenden Breite.
    ….also noch lange nichts von Demenz und abgeschrieben sein.
    Es lebe der Rollator!
    Es lebe seine Erfinderin, die Schwedin Aina Wifalk!

  2. Beim Lesen des Artikels musste ich unwillkürlich schmunzeln:-). Als wenn Sie über MEINE Mutter berichtet hätten! Sie ist vor kurzem 80 geworden und NIIIEEMALS würde sie solch eine “Krücke” vor sich herschieben (O-Ton). Nein, lieber klammert sie sich an ihr Fahrrad- fahren geht nicht mehr, ihr wird öfter schwindelig- und wackelt unsicher zum einkaufen und zurück. Fahrrad ist wichtig, zeigt es doch, wie fit man noch ist und Tüten kann man auch schön anhängen, was natürlich der Stabilität sehr zuträglich ist:-).
    Da kann ich predigen wie ein Priester, es kommt nur ein Gemurmel: will doch nicht schon von weitem als alte Schachtel erkannt werden. Aha, die Tarnung mit einem Fahhrad funktioniert ja auch viel besser.
    Meine erwachsenen Töchter sind aber auch nicht einsichtiger, wenn es darum geht, sich das Alltagsleben z. B. mit einem Einkaufstrolley leichter zu gestalten. Als wir noch in Hamburg gewohnt haben, war eine meine ersten Handlungen ( nach dem mühsamen Geschleppe der Einkaufstüten nach Hause und die Treppen hoch in den 4. Stock): ab nach Wandsbek und einen Trolley holen. 10,- € kam der und liess sich leicht über die Treppenstufen manövrieren. In dieser Stadt habe ich aber auch viele junge Frauen damit gesehen, die Trolleys sahen manchmal richtig “hipp” aus:-). Und niemand störte sich daran. Nun auf dem Dorf brauche ich ihn nicht mehr und habe ihn meinen Kinden angeboten.Ok, das war kein guter Einfall, aber ich hatte mir auch nichts dabei gedacht. NIIIEEEMALS, na usw.:-). Lieber wird der Einkauf mühsam von Treppenabsatz zu Treppenabsatz geschleppt und eine Verschnaufpause eingelegt, als DIESEN “Beweis” des Alterns einzusetzen. Mir war solche Überlegung gar nicht in den Sinn gkommen, ich wollte nur meinen Rücken schonen:-).

    1. Hallo Petra,
      ja, dabei kann man doch viel flotter gehen, wenn man einen Einkaufstrolley hinter sich herzieht. Die Einkaufstüten zu schleppen, ist nicht nur anstrengend, sondern sieht auch noch doof aus. Bei Karstadt in der Osterstraße hab ich neulich Trolleys aus LKW-Plane gesehen, richtig hipp und eindeutig für junge Leute. Irgendwie schon komisch, dass “nicht tragen WOLLEN” mit “Altwerden” assoziiert wird – wir verbinden das eher mit “denken können”, näh?
      Einkaufstüten am Fahrrad und selbiges schieben – da läuft bei mir sofort Kopfkino ab, besonders wenn es kälter und glatt wird. – Aber wahrscheinlich müssen unsere alten Damen erst eine Schwalbe hinlegen, bevor sie begreifen, dass es ohne Rollator nicht geht.

      LG
      Gaby

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