Gedicht: “Telefonstörung”

Bei langen Telefonaten, ob über das Festnetz oder mit dem Mobiltelefon, wird heute häufig festgestellt: “Oh, der Akku ist leer.” Zeit ist nicht Geld – Zeit ist Akku. Aber das war nicht immer so. Es gab Zeiten, da hatte jedes Telefon ein Kabel und es konnte für 20 Pfennig stundenlang telefoniert werden. Natürlich wurde zwischendurch nicht aufgelegt, denn der nächste Anruf hätte ja wieder 20 Pfennig gekostet und daher wurde das Gespräch über Stunden fortgesetzt. Sicher ist sicher, bevor man irgendetwas vergisst zu erzählen.

Die Möbelindustrie hatte hierfür eigens Telefonbänke* entworfen, die meist in Eiche rustikal die Flure zierten. Diese Idee muss männlichen Ursprungs gewesen sein, denn die stundenlangen Gespräche wurden vorwiegend von Frauen geführt und welcher Mann kann schon eine, wenn auch seine, ohne Punkt und Komma redende und gackernde Frau im Wohnzimmer ertragen?

Dieses gefiel aber den Frauen nicht, denn Flure grenzen für gewöhnlich an das Treppenhaus, auch wenn dazwischen noch die Wohnungstür ist. Und im Treppenhaus war jedes Wort zu verstehen. Damit waren die Gesprächsthemen erheblich eingeschränkt, da der Tratsch über die Nachbarschaft schlichtweg nicht möglich war. Folglich waren es die Frauen, die dem Telefon* ein langes Kabel verpassten, mit welchem sie quer durch die Wohnung ziehen konnten ohne das wichtige Gespräch zu unterbrechen.

Telefonstörung

Die Mutter klönt gern ohne Zwang

am Telefon – oft stundenlang.

Doch von der Freundin keinen Ton

hört Mutter nun am Telefon.

Die Mutter denkt sich auf der Stelle,

denn sie ist ja ziemlich helle,

die Störung wohl im Kabel steckt,

das überall den Boden deckt.

Sie folgt dem Kabel durch die Wohnung

hält jetzt prompt – wohl zur Belohnung-

des Kabels Ende in der Hand.

Der Stecker steckt noch in der Wand.

Das Kind daneben völlig starr,

tut so, als ob es dies nicht war.

Die kleinen Hände schlau versteckt,

damit die Mutter nicht entdeckt

die Schere hinterm Kinderrücken-

es grinst die Mutter vor Entzücken.

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