Trickbetrüger in Hamburg

Damals konnte meine Mutter noch darüber lachen, als meine Großmutter einer Trickbetrügerin auf den Leim ging, obwohl die Geschichte, die sie ihr aufhalste doch völlig absurd war. Heute musste sie nun leider auch die Erfahrung machen, dass es offensichtlich sehr einfach ist, alten Menschen Ungereimtheiten aufzutischen.

Es geschah am helligten Tag. Heute, einen Tag vor Heiligabend, mitten in Hamburg. Meine Mutter war kurz einkaufen und wollte nun die Eingangstür vom Treppenhaus aufschließen, da tauchte hinter ihr ein Mann auf.  

Er: “Wohnen Sie hier”

Sie: “Ja, ich wohne hier.”

Er: “Wo denn?”

Sie: “Da, im Parterre.”

Er: “Wissen Sie, ich bin nämlich von der Polizei und zivil im Einsatz. Hier, sehen Sie, ist mein Ausweis. Eine Nachbarin in Ihrem Haus hat mich angerufen, weil bei ihnen die Wohnungstür offen stand. Inzwischen war der Schlüsseldienst schon hier und hat Ihre Tür wieder verschlossen. Ich muss jetzt in Ihrer Wohnung nachsehen, ob denn alles in Ordnung ist oder ob etwas gestohlen wurde.”

Meine Mutter sagte daraufhin: “Na, der Schlüsseldienst kommt ja eigentlich nur um eine Tür zu öffnen und nicht, um sie zu verschließen.” – Schade eigentlich, dass sie den Gedanken nicht weiter verfolgt hat, sonst wäre ihr sicherlich aufgefallen, dass an der Sache etwas faul ist.

Er spricht in sein Headset: “Ich gehe jetzt mit Frau …. in ihre Wohnung.” Meiner Mutter erklärte er oberwichtig, dass er ständig mit einem Kollegen in Kontakt sei. Dann ging meine Mutter die paar Stufen hoch und schloss ihre Wohnungstür auf, der Mann folgte ihr. Gewohnheitsgemäß steckte meine Mutter den Schlüssel von innen aufs Schloss und schloss die Wohnungstür ab.

Meine Mutter: “Hier sieht es aus wie immer, hier war bestimmt keiner drin.”

Er: “Das müssen wir jetzt erst einmal prüfen. Aber vorher muss ich noch mal kurz raus. Ich komme aber gleich wieder und dann klingel ich.”

Meine Mutter schloss die Tür auf, ließ den Mann raus, schloss die Tür wieder zu. Kurz darauf klingelte der Mann. Meine Mutter schloss die Tür auf, ließ den Mann rein und schloss wieder zu. Beide gingen ins Wohnzimmer.

Meine Mutter wiederholte: “Hier sieht es aus wie immer, hier war bestimmt keiner drin.”

Der Mann fing ein vertrauenserweckendes Gespräch an über die Sinnhaftigkeit  ihrer Aussenrolläden und dass sie diese doch immer runter lassen solle, wenn sie das Haus verlässt.

Er: “So, nun wollen wir mal gucken, ob noch alles da ist. Wieviel Geld haben Sie denn immer so im Haus? Ein paar tausend Euro?”

Meine Mutter: “Ein paar tausend Euro? So viel habe ich nicht. Ich habe immer nur soviel, dass ich ein bischen einkaufen kann.”

Er: “Wo haben Sie denn Ihren Schmuck? Wir wollen jetzt mal prüfen, ob noch alles da ist.”

Meine Mutter ging mit ihm ins Schlafzimmer und holte ihr Schmuckkästchen aus dem Schrank.

“Ach, Sie haben Ihren Schmuck im Kleiderschrank in der zweiten Tür von links.”, kommentierte er – für meine Mutter völlig unsinnig, da sie den Sinn seines Headsets nicht verstanden hat. Beide sahen sich den Inhalt des nun auf dem Bett liegenden Schmuckkästchens ganz genau an, während meine Mutter ihm noch genauer erklärte, was nur Modeschmuck sei und was Echtschmuck.

Daraufhin lenkte der Trickbetrüger das Gespräch wieder auf die Außenrolläden und meinte, sie solle man ins Wohnzimmer gehen und den Rolladen runterlassen. Das wollte meine Mutter aber nicht, denn es sei ja schließlich am helligten Tage. Dann meinte er plötzlich, sie müsse sich noch ausweisen. Meine Mutter krahme ihr Portemonai aus der Handtasche und zeigte ihm ihren Personalausweis, ihre Krankenkassenkarte und sonstige Karten.

Und dann war sie der Meinung, sie hätte ihr Schmuckkästchen mit dem kompletten Inhalt wieder in den Schrank gestellt.

Fazit:  Warum der Trickbetrüger zu Beginn die Wohnung noch einmal verlassen hat, kann nur den Grund gehabt haben, eine zweite Person ins Treppenhaus zu lassen. Nur kam die zweite Person nicht in die Wohnung, da meine Mutter ja ständig die Wohnungstür wieder abgeschlossen hat. Aber der Trickbetrüger hat es dennoch geschafft, der alten Dame ein Stückchen Vergangenheit zu rauben: Die an den Schmuckstücken haftenden Erinnerungen.  Sie begreift immer noch nicht, wann der Betrüger den Schmuck geklaut haben kann, dabei ist das doch ganz offensichtlich. – Noch ist es offensichtlich, doch wenn man alt ist? – Es ist noch keine Woche her, da habe ich meiner Mutter erzählt, dass sie vorsichtig sein muss, da Trickbetrüger unterwegs sind, die sich als Polizisten ausgeben und trotzdem ist sie darauf reingefallen.  Und dieser Trickbetrüger kennt jetzt nicht nur ihre Wohnung, sondern kennt jetzt automatisch auch den Grundriss der Nachbarwohnungen: klein und übersichtlich und oft bewohnt von alten Leuten, die Weihnachten nicht zuhause feiern.

“Heiligabend” ist auch für Einbrecher das” Fest der Feste”. Viele Fenster sind hell erleuchtet, aber noch mehr Wohnungen und Häuser sind am 24. Dezember verlassen. Teilweise brennt auch in Mehrfamilienhäusern nicht ein einziges Licht, da alle Bewohner bei ihren Familien feiern. Gerade Mehrfamilienhäuser, bei denen sich der Schnapper der Eingangstür vom Treppenhaus so einstellen lässt (kleiner Riegel am Schloss), dass die eigentlich zuschnappende Tür nicht zuschnappt, laden die Einbrecherbanden über Weihnachten dazu ein, eine Wohnungstür nach der anderen aufzubrechen. Über die Feiertage die Hauseingangstür abzuschließen kann daher nicht verkehrt sein.

Leute, lasst über die Feiertage in der Wohnung zur Abschreckung etwas Licht an und vielleicht auch den Fernseher!

P. s.: Dem Kleinkind wird ständig gepredigt: “Geh mit niemanden mit und lass keine fremden Leute in die Wohnung”. Irgendwann hat der Mensch das dann begriffen. Doch dann ist er plötzlich alt und hat es wieder vergessen. Da kann man dann predigen so viel man will, denn die Zeit des Begreifens ist Vergangenheit.

2 Gedanken zu „Trickbetrüger in Hamburg

  1. Hallo Gaby, gut, wie du das alles beschrieben hast. Es ist wohl ein Beispiel fúr viele ältere Menschen, mehr als vorsichtig zu sein. Für sie – uns- ist es besonders schwer, dass wir in unserem Alter noch lernen mússen, misstrauisch zu sein, wo wir doch schon den ganzen Tag damit zu tun haben, NICHT DIE ALTEN Anstrengenden zu sein, wozu wir oft gemacht werden. Keiner hinterfragt das WARUM- oft sind es die Schmerzen oder Sorgen die uns zu diesen, fúr andere EIGENARTIGEN machen…

    Ich hoffe, dass Ihr trotzdem eine schóne Weihnachtsfeier habt, dass die Polizei ein Herz fúr Alte hat, und Euer Haus nun auch etwas mehr bewacht und beobachtet, als sonst.
    Aber fúr Deine Mutter ist es eine bittere Pille, denn sie wird sich nicht mehr sicher in der Parterrewohnung fúhlen.
    Hoffentlich war das nun das letzte Negative im alten Jahr und das Neue strahlt mit positiven angenehmen Überraschungen fúr Dich, Deine Mutter und die ganze Familie.
    In diesem Sinne,, ein gutes gesundes neues Jahr. Bárbara, Formentera- HH.

    1. Hallo Bárbara,

      vielen Dank für Deinen netten Kommentar. Ja, es ist bestimmt nicht einfach, im Alter noch zu lernen misstrauisch zu sein. Zumal man eigentlich anderen Menschen nichts Böses zutraut. Wie oft warnt die Polizei im Fernsehen vor dem “Enkeltrick” und dennoch fallen die alten Menschen leicht darauf rein. Meiner Mutter kam vorgestern die ganze Situation zwar merkwürdig vor, ihr fiel aber keine Alternative ein, als diesen Mann in ihre Wohnung zu lassen. “Wo hätte ich denn anrufen müssen?”, fragte sie anschließend, “110 oder 112? Und was hätte ich dann sagen sollen?” – Diese Hilflosigkeit genügt schon, um den Trickbetrügern freien Raum zu lassen.

      Wir können nur hoffen, liebe Bárbara, dass wir auf diese Tricks nie reinfallen werden, da wir zu der Generation der “Neuen” Alten gehören. Der tägliche Umgang mit der Technik hier, trägt dazu bei, dass wir ständig dazulernen und vielleicht nimmt uns das ein Stückchen “Hilflosigkeit” in der Zukunft.

      Dir und Deiner Famile wünsche ich auch Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins hoffentlich gesunde Neue Jahr.

      Liebe Grüße von Hamburg nach Formentera.

      Gaby

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